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  Gambrinus a fait la diagonale

Gambrinus a fait la diagonale!

Was macht man, wenn der Peloppones abgebrannt ist? Man plant einen Urlaub am Atlantik. Wie kommt man an den Atlantik? Mit dem Fahrrad, ist doch klar. Was mir zuvor weniger klar war; mit welchem Rad? Der Stadtpanzer muss das schaffen, ein anderes Rad steht mir nicht zur Verfügung.

Robby meinte im Rahmen der Reiseplanung, dass man doch bis Saarbrücken die Bahn nehmen sollte, was ich zunächst als entehrend betrachtete, will man doch im Nachhinein sagen können: „Ja ja, von Frankfurt bis Cap Ferret simmer gefahren! Ja ja!“ Aber wir einigten uns dann doch auf die Zugfahrt bis an die Französische Grenze um die erste Nacht des Urlaubs in Frankreich zu verbringen.

 

Tag 1- 24. Aug. ’08

Saarbrücken – aux 4 tours

Um etwa halb acht, stehe ich am Frankfurter Hauptbahnhof, pünktlich, entgegen meiner Gewohnheiten und warte auf Herrn Würker. Der kommt wenige Minuten später und nach einem Kaffee auf dem Bahnsteig rollt unser Zug in Richtung Westen. Wir freuen uns riesig auf das bevorstehende Abenteuer als ich bemerke, dass ich keinen Tacho am Rad habe. „Kein Problem!“ meint Robby „Du kaufst einfach so `nen Billigtacho in irgendeinem Supermarkt.“ „Ist doch Sonntag heut!?“ „Macht nix,“ erwidert Robby „in Frankreich haben die großen Märkte auch sonntags offen.“
Das ist gut, denke ich mir und wir amüsieren uns die nächste Stunde über eine Gruppe Weicheier, die mit ihren Baumarktschlachtrössern vierzig Kilometer Bahn fahren um dann zurück nach Haus zu radeln.
Um elf und nach einem weiteren Kaffee in Saarbrücken besteigen wir die Räder und beginnen das Abenteuer “Diagonale“. Wir sind recht flott aus Saarbrücken raus und einen Moment später in Frankreich. Etwas verhangenes Wetter, kühler als die Jahre zuvor in Griechenland aber tolle Bedingungen um Kilometer zu machen.

Ein Problem haben wir aber noch zu lösen: Nahrung!
„Essen holen wir mit Deinem Tacho am ersten Supermarkt!“ Robby hat Recht, solange kann ich auch noch warten.

Bis gegen zwei Uhr Mittags fahren wir flott von Dorf zu Dorf, in der Hoffnung Futter zu ergattern. Nix. Kein Supermarkt, kein Krämerladen, nicht mal ein Kiosk ist offen. Ich beschließe, sobald ich einen Menschen sehe, diesen nach Essen zu fragen. Sind aber keine Menschen unterwegs in den durch die wir fahren.

Um etwa drei Uhr ist der Hunger so schlimm, dass ich an einem Acker stehen bleibe um äpfel zu klauen. „Da hängt aber keiner über den Zaun.“ wirft Robby ein, hat aber kurz danach zwei äpfel inhaliert und einen dritten in der Trikottasche. Weiter geht’s. Das Tagesziel hat sich verlagert von „Wir wollen heute noch… wo ankommen.“, auf „Wir müssen was essen bevor einer umkippt!“ Es geht die ganze Zeit bergauf. Von etwa 120 Kilometern die wir an diesem Tag machen sollten sind gut 90 gegen die Schwerkraft zu bewältigen. Ohne Nahrung, und das leicht Wetter ändert sich gegen Ende des Tages zu grau in grau. An einem Provinzflughafen im Nirgendwo und einem Bahnhof in der Nähe von Nirgendwo hoffen wir auf Nahrung, es gibt pro Kopf drei Kekse aus dem Automaten, der trotz Sonntag treu seinen Dienst tut. In einem Städtchen kaufen wir bei einem Bäcker ein wenig Nahrung, diese genügt jedoch gerade mal zum revitalisieren, nicht zum satt werden.
Um etwa sieben Uhr erreichen wir einen Zeltplatz, nicht den eigentlich angepeilten, dafür sind wir lebendig. Es nieselt ein wenig, unbedeutend verglichen mit dem Hunger der uns beide plagt. Der Campingplatz besteht aus einer Ansammlung von Bäumen und ein paar dazwischen versteckten Wohnwagen.

Mit knurrendem Magen dafür geduscht kriechen wir in die Schlafsäcke. Die Tortour de France hat begonnen. Meine Füße riechen ein wenig nach jungem Gouda.

 

124km;  21,2km/h;   5h 52min

 

 

 

Tag 2 - 25. Aug. '08

Mandres aux 4 tours – Bar sur Aube

 

Da der Zeltplatz nur aus Bäumen und Wohnwagen besteht bekommen wir auch hier nichts zu essen. Wir wissen beide, heute geht es um alles. Wir brauchen Nahrung, Kaffee und das Gefühl von Energie für weitere tausend Kilometer. Wir sprechen aber nicht darüber, sondern hoffen, dass heute am Montag irgendwelche Nahrungsmittel unseren Weg kreuzen. Einige Kilometer nach dem Start der Etappe rollen wir in eine Kleinstadt ein. Es ist marché!!! Es gibt Huhn, gegrillt! Zum Frühstück je ein halber Hahn und dann zum “Café du marché“ auf einen Kaffee! Jetzt geht’s also richtig los. Ohne Hunger, nach warmer Nahrung und nach je zwei super Kaffees fallen wir an der Stadtgrenze in einen Supermarché ein und kommen mit Baguettes, Wurst, Käse und Getränken heraus. Robby konnte nicht widerstehen seine liebste Paste mit zu nehmen, Entenpaste für teuer Geld, aber unbeschreiblich lecker!

Die stetige Bergauffahrt des Vortages hat nun gewechselt. Wir fahren in Wellen, zu gleichen Teilen bergauf, bergab. Den ganzen Tag.

Wir passieren höchst abenteuerlich eine Autobahn um dann auf der anderen Seite einige Meter auf dem Standstreifen zu gehen und uns auf der nächsten Abfahrt wieder auf die Räder zu wagen. Autobahn sind wir also auch gefahren! Sobald wir die Schnellstrasse hinter uns gelassen haben und in ein nettes Waldstück einfahren, beginnt es ganz leicht zu nieseln. Robby voran, ich hinterher fahren wir durch eine gottverlassene Gegend, biegen in einer weiten Linkskurve in ein Tal ein und plötzlich Zivilisation! Robby hat so wenig damit gerechnet, dass hier irgendetwas sein könnte, dass er beinahe einen Hahn und drei Hennen überrollt hätte die gerade die Strasse überquerten. Wir sind in “Vaux la grande“. Zwei Bauernhöfe und eine Kirche. Wozu die ein Rathaus benötigen ist mir unklar, aber sie haben eines. Ich komme aus dem Lachen nicht mehr raus.

Nach einem anderen Dörfchen fragt Robby ob ich denn die zwei prachtvollen Einser gesehen hätte. Hab ich nicht. War zu beschäftigt mit der Bewältigung der ständig aufs neue erscheinenden Hügel. Einige Kilometer später erfasst meine Nase den süßen Geruch von Cannabis. Robby hat davon nichts mitbekommen. War zu beschäftigt mit seiner Vollgasfahrt den Hügel runter, an dem das etwa zwei Hektar große Hanffeld lag.

Am Abend gegen sieben beginnen wir uns zu fragen, wo denn nun der Zeltplatz liegen mag, den wir auf der Landkarte sehen, den aber keiner in der Gegend zu kennen scheint. Wir fragen jeden der uns begegnet ob es in der Nähe irgendeinen Zeltplatz gibt, bekommen nur Kopfschütteln und von Streifenpolizisten ein müdes Lächeln geschenkt.

In einem Supermarkt, den wir kurz vor Ladenschluss um acht noch schnell betreten, werden wir aufgeklärt, dass der Ort bei dem der Campingplatz sein soll zwar in der Nähe ist, aber der Campingplatz wohl nicht mehr existiert. „Schauen wir mal, dann sehen wir auch...“ ist unsere Antwort und wir starten in die angesagte Richtung.

Nach einer weiteren Stunde der erfolglosen Suche und immer kälter werdender Arme und Beine, beschließen wir das Risiko einzugehen auf einem Feld zu nächtigen.

Das Zelt ist sehr schnell aufgebaut, die Räder liegen wie erschossen davor und wir liegen drin. Robby hat seine Socken weggeschmissen, sie stinken. Hätten wir nicht zwei Baguettes und Wurst, Käse sowie Robbys Luxusentenpaste, wir wären sicher irgendwo eingefallen und hätten was geplündert. So hatten wir immerhin gute Nahrung und Bier. Die Nacht war der pure Horror, aber wir waren satt. Edel geht die Welt zugrunde! Meine Füße riechen nach gereiftem Gouda.

 

149km;  20,6km/h;  7h 13min

 

 

 

Tag 3 – 26. Aug. ’08

Bar sur Aube – Auxerre

 

Wir erwachen. Das ist schon mal mehr als ich am Vorabend erwartet hätte. Ich glaubte fest daran, dass uns der Bauer mit einer Schrotflinte aus dem Zelt jagt und ins Dorf führt, wo wir dann unter dem Jubel der Dorfbewohner, Standrechtlich hingerichtet würden. Aber es sollte nicht so kommen. Wir nehmen unser Frühstück, die Reste der Baguettes vom Vorabend an einem wunderschönen Patz zu uns, schauen dabei auf ein Flüsschen und pöfen. Der Umstand, dass der Nebel als wir erwachten noch tiefer lag als der Punkt an dem unser Zelt stand war wie vergessen, als kurz nach der Abfahrt vom Frühstück die Sonne jegliche Nebelschwaden vertreibt und der Himmel langsam von grau in blau wechselt. Das Wetter ist zum ersten Mal schön und wir haben auch das Gefühl, heute mehr abwärtig denn aufwärts zu fahren. Die Schlussfolgerung: die Champagne ist ein riesengroßes Hochplateau, das wir gerade verlassen.

Mit jedem Kilometer werden das Wetter und die Laune besser, bis bei voller Fahrt einer meiner Schalthebel abfällt. Einfach, bumm auf die Strasse. Ich sammle alles was ich finden kann auf und versuche Robby zu erreichen, der zuvor etwa dreißig Meter vor mir war und nun nicht mehr zu sehen ist. Zum Glück steht er nach ein paar hundert Metern da und wartet.

Die folgende viertel Stunde beißen sich ein studierter und ein gelernter Feinmechaniker die Zähne am Zusammenbau einer Gangschaltung aus, bis einer auf die Idee kommt: Linksgewinde?

Nach weiteren dreißig Sekunden ist alles festgeschraubt und die tour kann weitergehen.

Ab hier läuft alles wie am Schnürchen. Tolles Päuschen im Wald an Stabbrot, Schinken und Pöfchen und weiter geht’s Richtung Südwesten, Richtung Loire!

In Auxerre checken wir zum ersten Mal an einem richtigen Zeltplatz ein. Wir fühlen uns nach einer heißen Dusche, einer warmen und leckeren chilenischen Pampe, und ein paar Bier wie neu geboren. Im Zelt wird bei “Element of Crime“ noch ein wenig schwadroniert. Da wir aus dem Zelt aufs Velodrom blicken, wollen wir die erste Nacht unter humanen Bedingungen langsam ausklingen lassen. Zudem habe ich mich erinnert, dass ich Tiger-Balsam dabei habe. Das Zelt riecht nach ein paar Minuten wie ein fernöstlicher Massagesalon, bloß die asiatischen Masseusen fehlen. Famos! Danke Auxerre! Meine Füße riechen nach Brie.

 

 

129km;  22,0km/h;  5h 52min

 

 

 

Tag 4 - 27. Aug. '08

Auxerre – Sully sur Loire

 

Der Campingplatz in Auxerre ist ein Jungbrunnen, obwohl es im Zelt inzwischen weniger nach Tiger-Balsam als nach Tiger-Käfig riecht. Leider haben wir einen Zeitplan und müssen weiter. Wirklich ungern verlasse ich dieses kleine Paradies und folge Herrn Würker in Richtung Loire. Da liegt noch eine kleine Hügelkette zwischen uns und dem Fluss, welcher rasches Vorankommen verspricht! Es soll einen Radweg geben, der den Fluss entlag führt. Ich freue mich schon darauf und rechne mit mindestens hundertvierzig Kilometern die wir Vollgas am Fluss fahren können als wir im “Val perdu“ einfahren. Erneut Gelächter und Belustigung über französische Ortsnamen. Dann nach weiteren knapp 20 Kilometern und ein paar wirklich netten Hügeln und Dörfern, die Loire. Wir sehen den Fluss als eine Böschung links von uns plötzlich aufhört und dahinter das Gewässer sichtbar wird. Ich fühle mich prächtig in Erwartung einer längeren Phase den Fluss entlang. Na warte!

Der erwartete Radweg erscheint kurz darauf vor uns und geht ein paar Kilometer später in einen Feldweg über. „Wird sicher nur übergangsweise sein.“ denke ich mir und versuche hinter Robby zu bleiben, der trotz des immer schlechter werdenden Feldweges, versucht die angesetzten 25km/h Durchschnitt zu halten und daher mit gut dreißig Sachen über die Buckelpiste rast. Nachdem wir nun seit zwanzig Minuten probieren nicht umzufallen, ich hinter Robby diversen fliegenden Objekten ausweichen muss welche sein Hinterrad aufwirbelt, und seit bestimmt 25 Kilometern mein Musikabspielgerät den Geist aufgegeben hat, raste ich endgültig aus. Anstatt auf brillantem Radweg Kilometer zu schrubben, und das unerwartet tolle Wetter zu genießen, kämpfen wir uns hier mit Müh und Not vorwärts und der Würker bricht sich beinahe alle Knochen, als ihn ein Schlagloch aushebelt und er im 45°Winkel zum Boden fährt. Er schafft es sich und das Vehikel abzufangen, nicht aber meine Ausraster zu beseitigen und so fahren wir die nächsten Kilometer in für beide gesundem Abstand. Als er mich persönlich beleidigt, mit dem Angebot ich solle doch die nächste Bahn nach Cap Ferret nehmen, beschließe ich, dass er mich nun erst recht ertragen muss und hafte mich wieder an sein Hinterrad. Bahn fahren, der spinnt wohl!

Unsere Laune bessert sich ein wenig, als wir dann doch irgendwie und nach einigen unnötigen Schlenkern in Sully sur Loire einfahren und einen schönen Zeltplatz an der Loire vorfinden. Nach Erklärung meines Bedarfs an Musik beim Radfahren und Robbys Erklärung seiner Sorge ich hätte eventuell keine Lust mehr und wolle wirklich abbrechen sind die Wogen geglättet. Wir Essen ausgiebig das inzwischen auf dieser Reise übliche Menü (Reste vom Tagesproviant, Baguette, Wurst, Käse, Majo, Kekse). Auch das Programm im Zelt läuft sich langsam ein. Cetavlonbehandlung aufgeriebener Körperteile, Tigerbalsambehandlung der Beine und Arme, Musik, Relaxat, Planung des Folgetages, pennen. Meine Füße riechen nach Camenbert, altem Camenbert.

 

130km;  22,8km/h;  5h 44min

 

 

 

Tag 5 – 28. Aug. ’08

Sully sur Loire – Amboise sur Loire

 

Wir verlassen Sully sur Loire in Erwartung einer ereignislosen, flachen Etappe. Eine solche wurde es dann auch. Wir fuhren hohes Tempo, machten die richtigen Pausen und hatten alles was wir brauchten. Bis hin zu richtig krassem Sonnenschein. Das Wetter hat sich seit vorgestern sehr gebessert und ich konnte am Vorabend mein Walkmanhandy reparieren, so dass heut alles wieder passt. Am Mittag stelle ich hocherfreut fest, dass ich es in der Sonne als unangenehm heiß empfinde und freue mich extrem darüber. Es führt sogar so weit, dass ich am Nachmittag ein wenig Sonnencreme vom Herrn Würker schnorre, weil die Arme langsam brennen. Fein, das ist Urlaub.

Ganz ereignislos war die Etappe dann doch nicht. Wir hatten wie auch die Tage zuvor und die folgenden Tage ein auch an diesem Tag auftretendes Problem. Es gingen pro Tag mindestens 45min drauf, die wir an Kreiseln und Kreuzungen verbrachten, im verzweifelten Versuch festzustellen in welche Richtung wir fahren müssen. Robby hatte zwar eine sehr ordentliche Karte dabei und wir haben allabendlich die nächste Etappe weitestgehend verinnerlicht und Ortsnamen als Kontrollpunkte vorgemerkt und so weiter, aber genützt hat es nichts. Die Beschilderung der französischen Landstrassen ist einfach dermaßen schlecht, dass es fundierter Ortskenntnis bedarf um sich da halbwegs zurecht zu finden. Mehrere Minuten täglich standen wir also auf der Strasse und gafften abwechselnd die Karte und die Schilder an und das eine oder andere Mal holten wir auch die Kompasse raus, oder spielten Schnick-Schnack-Schnuck.

Dennoch fanden wir Helden uns immer wieder auf dem rechten Pfad und an diesem Abend fanden wir, auf der Île d’or in Amboise sur Loire, einen tollen Campingplatz. Allerdings so toll, dass ab zehn Uhr Nachtruhe herrscht und man am Abreisetag um elf ausgecheckt haben muss. ADAC halt

… Im Zelt, das übliche Programm, nur dass das Zelt selber inzwischen den Geruch des Tigerkäfigs übernommen hat und uns somit einen weiteren Vorteil verschafft. Die Kombination der Ausdünstungen nach Tigerbalsam, Rauchware, und dem französischen Käse in den Packtaschen, hält jedes Viehzeugs fern, was uns am nächsten Abend von Vorteil sein sollte. Wir schlafen früh heut Abend. Meine Füße riechen nach Chaumes.

 

 

 

 

 

 

 

140km;  25,0km/h;  5h 40min

 

 

Tag 6 – 29. Aug. ’08

Amboise sur Loire - St. Cry

 

Eine weitere flache und ruhig verlaufende Etappe. Eigentlich unspektakulär, hätte nicht gleich nach dem Frühstück, die linke Stütze meines Gepäckträgers aufgegeben. Mit der Hilfe eines Alten, der Weinkeller und Radverleih in ein und demselben Keller betreibt, wurde eine Schraubschelle darumgelegt wo der Schaden war und zur weiteren Befestigung ein paar Kabelbinder hinzugefügt, die ich noch am Abend vor der Abfahrt, in Frankfurt eingesteckt hatte.

Mit einem schönen Rückenwind machen wir heute fast Ruhetag, wenn auch auf dem Rad und mit knapp 120km Bewegung. Gegen Mittag beginnt Robby über Schmerzen in der Ferse zu klagen und das Tempo wird gedrosselt um einem Totalausfall vorzubeugen. Er fährt erstmal einbeinig weiter und… wir schauen mal. Tolle Gegend, tolle Strassen, richtig schöne versteckte Schlösser und Ruinen stehen hier herum, in der Ecke zwischen Poitiers und St. Cyr. Außer Robbys Ferse und dem permanenten Schilderchaos geht die Etappe schnell vorbei. Es findet gegen Mittag der übliche Einkauf im Supermarché statt und wir treffen ohne besondere Vorkommnisse am Campingplatz ein. Die uns zugewiesene Parzelle ist über und über mit Laub bedeckt, was uns zunächst nicht stört und wir uns setzen um die Karte zu studieren. Nachdem zehn Sekunden später gut ein Dutzend Minikakerlaken die Karte begehen, beschließen wir ein Areal vom Blattwerk zu reinigen um wenigstens um das Zelt herum keine Viecher zu haben. Hier sollte sich der Geruch den unser Zelt inzwischen angenommen hat als hilfreich erweisen. Ich habe weder diese noch irgendeine andere Nacht Krabbeltier im Zelt erwischt. Fein, so ein Gestank!

Am Abend Regeneration und Musik an Tigerbalsam und Rauch. Meine Füße riechen nach vergammeltem Kühlschrank.

 

 

117km;  24,0km/h;  5h 00min

 

 

 

 

Tag 7 – 30. Aug. ’08

St. Cry - St. Jean d'Angely

 

Sommer, Sonne, Sonnenschein! Hammerwetter und eine erneut flache Etappe. Vollgas trotz kaputtem Gepäckträger und Robbys kaputter Ferse, die am Mittag kurz völlig in Ordnung ist und kurz darauf wieder streikt. Unerwartet beginnt das Streckenprofil am Ende des Tages wieder mit einem steten Auf und Ab. Hmm, hatten wir jetzt nicht so erwartet, aber hey, wir sind Helden, wir können das ab. Trotzig und wie immer flott erreichen wir am frühen Abend St. Jean d’Angely und finden einen Campingplatz voller Engländer vor. Als wir ankommen sitzen sie alle vor ihren jeweiligen Wohnwagen und schauen BBC, per Satellit.

Da wir uns bisher nur von Brot, Schinken, Käse und Keksen ernährt haben, überkommt mich beim einchecken die Frage, ob man uns ein gutes Restaurant empfehlen könne. Konnte man und wir erfahren von einem guten Fischrestaurant. Als ich von der Dusche komme sitzen die Engländer immer noch vor ihren Wohnwagen und schauen BBC.

Wir gehen quer durch den kleinen Ort, Robby hinkt eher, als dass er geht, wie so ein alter Pirat, was mich auf den Soundtrack dieser tour bringt. Zwei Stücke werde ich ewig mit der Durchquerung Frankreichs in Verbindung bringen, obwohl ich zwei Gigabyte an Musik dabei hatte. “Dragostea din tei“ von der Rumänischen Combo “O-Zone“ und “He’s a pirate!“ das Dauerthema der “Pirates of the Carribean“ Filme. Ja, ja, ganz knusper sind wir doch alle nicht.

Wir speisen grandios an diesem Abend, Ich habe moules-frites, der Robby ein halbes Pfund Tatare und zum Nachtisch gibt’s crème brulée und mousse au chocolat, alles an einem grandiosen muscadet! Als wir pappsatt auf den Campingplatz wanken, sitzen die Engländer noch immer vor ihren Fernsehern und schauen BBC.

Im Zelt das übliche. Tigerbalsam, Cetavlon, Rauchen mit Musik, Zähne putzen, pennen.

Bis zu dem Moment als das Zelt samt zweier Gambrini, beinahe gestartet wäre, um in Berlin wieder zu landen. Um eins ging ein derartiger Sturm los, dass wir beide wach wurden, ich noch mal hinaus ging um meine zum trocknen aufgehängte Wäsche vor dem davonfliegen zu bewahren, und die meisten Heringe noch mal in den Boden stach. Der Robby meinte, wenn schon mal Wetter ist und man im trockenen Zelt sitzt, muss man das auch genießen, daher wurden wieder Zigaretten gedreht und rauchend das Unwetter betrachtet.

Meine Füße riechen nach faulen Eiern.

 

137km;  25,5km/h;  5h 33min

 

 

 

Tag 8 - 31. Aug. ’08

St. Jean d’Angely – St. George et l’hopital,

 

Am Morgen, nach dem Sturm kriechen wir aus dem Zelt und finden ein paar Dutzend Engländer vor, die vor ihren Fernsehern sitzen und BBC gucken. Wir starten gen Atlantik, den wir heute erreichen wollen. Das plötzliche Auf und Ab des Vorabends entwickelt sich während der Etappe zum Dauerzustand und ich spüre gegen Mittag argen Schmerz am Hintern. Gut zwanzig Kilometer vor dem Ozean sind die Schmerzen nicht mehr zu ertragen und ich muss tatsächlich vom Sattel und mich einen Moment hinstellen. Ein Alptraum entwickelt sich während der letzten Kilometer zum Atlantik, da es immer hügeliger wird, und der den ganzen Tag wehende Gegenwund immer stärker wird, bis wir dann unerwartet im Ort Royane einfahren, wo wir die Fähre nach Le Verdon sur mer nehmen und über die Gironde geschippert werden. Auf der Fähre gönne ich meinem Hintern eine ausgiebige Cetavlonbehandlung und mir selber ein Dosenbier. Die überfahrt ist viel zu kurz und wir gehen nach etwa dreißig Minuten von Bord. Als erstes wird eine Kneipe, die erste die wir sehen aufgesucht und es wird Bier getrunken, viel davon. Uns trennen nur noch 120km von unserem Ziel, auf Teufel komm raus könnte man sogar heut schon da sein, aber wir wollen doch ein gemütliche Abschlussetappe und mein Hintern tut weh, außerdem ist inzwischen auch die rechte Stütze meines Gepäckträgers gebrochen und wird durch weitere Kabelbinder gehalten, also kehren wir nach zwanzig Kilometern auf einem Campingplatz ein.

Robby wird beim einchecken nach seinem Beruf gefragt, dreht sich zu mir und meint: „Sag mal, weißt Du wie Ingenieur auf französisch heißt?“ Mit viel zu süßen Getränken, die wir an der Reception kaufen gehen wir zu unserem Zeltplatz, und beschließen erneut ein Restaurant aufzusuchen um gut zu speisen. Nach einer Runde einmal rund ums Dorf finden wir ein super Restaurant ganz in der Nähe des Zeltplatzes und speisen dort erneut prima, diesmal sogar zu richtig guter Musik, und mit richtig netter Belegschaft die sich sogar über unser gutes Französisch wundert und uns für Quebecien oder Belgier hält. Nach opulentem Mahl gehen wir in den Tigerkäfig und freuen uns auf die morgige, gemütliche und flache Schlussetappe. Ich erinnere mich an die Peloponnes-Runden als ich bemerke, dass meine Füße nach Verwesung riechen.

 

100km;  22,5km/h;  4h 27min

 

 

 

Tag 9 – 01. Sep. ’08

St. Geoge et l’hopital – Cap Ferret

 

Heute werden wir ankommen. Ob auf dem Rad oder gehend, aber heute werden wir ankommen. Das steht fest und ist gleich am Morgen zu merken. Zwar sprachen wir immer wieder auf der Fahrt vom ruhigen Einfahren am Morgen, dass die Muskeln erstmal warm werden und so Kram, aber das ist heute alles passé! Belgischer Zirkel von Anfang an. Fünfzehn Minuten der eine, fünfzehn Minuten der andere. Immer weiter und schneller. Bei der Kaffeepause nach eineinhalb Stunden merken wir, dass wir schon deutlich über ein Drittel der heutigen, letzten Etappe hinter uns haben, und beschließen einfach mehr Pausen zu machen, nicht langsamer zu fahren, nein, mehr Pausen…

Immerhin sind wir schon auf der Landzunge und haben zudem eine Tradition zu wahren. Der letzte Tag hat begossen zu werden und da wir zu schnell sind besteht Gefahr, dass wir nüchtern am Ziel ankommen. Also, halten wir bei diversen Gelegenheiten um Bier zu tanken, viel davon. Von Pause zu Pause wird die Laune immer besser, die Kilometer weniger und die Legitimation sich völlig abzuschießen ist am Ende greifbar und nimmt die Form mehrerer Kronenburg Flaschen an. Sind aber auch tückisch die kleinen Dinger. Kaum angesetzt, schon leer.

Etwa vierzig Kilometer vor dem Ziel spüre ich ein knacken, das durch mein ganzes Fahrrad zieht und frage Robby ob er was sehen kann, das nicht OK ist. Er verneint, also weiter Vollgas.

Bei einer Pause einige Minuten später entdecke ich eine gebrochene Speiche. Die kann mir jetzt auch nichts mehr! Zur Not schiebe ich das Rad die letzten vierzig Kilometer, ist mir doch Latte! Nach der Pause, in der ich beinahe einen Stapel Baumstämme ins Rollen gebracht hätte, geht erstmal für dreißig Kilometer alles gut, bis wir Hunger haben, beide, plötzlich und akut zu stillen! Wir sind inzwischen in le Canon und entdecken eine Snack-Bar. Ein paar Sandwichs leisten Abhilfe, werden mit Bier runtergespült, dann geht’s schneller und weiter rasen wir in Richtung Cap Ferret, als wenige Kilometer vor dem Ziel eine nach der anderen drei weitere Speichen meines Hinterrades, den Geist aufgeben. Ey, nicht mit Onkel Timon, und nicht in dem Ton! Ich mache das hier zu Ende und wenn ich das Rad nach Cap Ferret tragen muss. Das Hinterrad sieht aus wie vom Laster überrollt und aus dem Flugzeug geworfen, aber es schleift nur minimal an der längst ausgehängten Bremse. Also, weiter!

Nach neun Tagen kommen wir in Cap Ferret an. Wir sind erneut die derbsten und die geilsten und nach einem Sprung in den Atlantik zum Sonnenuntergang gibt es bei Würkers Entrecôte vom Grill! Immerhin, wir kommen vor Skepeneits an, die mit dem Auto anreisen!

Traverser la France – mit allem! Meine Füße sind angekommen. Der Stadtpanzer ist tot.

 

 

 

102km;  27,5km/h;  3h 42min

 

 

 

 

 

1130 km         23,1km/h        49h 3min

 

 

 

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